Aller Anfang ist...vertrackt?
- leopoldpelizaeus

- Nov 8, 2019
- 6 min read
Jede Nacht, gegen 23 Uhr erhebt sich die Boeing 747-400 der British Airways von ACC, um sechs Stunden und 15 Minuten später in LHR zu aufzusetzen. Nach dem Start zieht die Maschine in geringer Höhe genau über unser Haus. Das Donnern der Motoren kündigt sich von Weitem an, schwillt dröhnend an, bis die verdrängte Luft an den Hauswänden im ganzen Viertel rüttelt. Für einen kurzen Moment bringt die schiere Kraft der Triebwerke alles zum Vibrieren und unterbricht jedes Gespräch. Noch lange, nachdem Flug BA78 nach Norden abgedreht hat, wabert der Lärm der vier Turbinen durch schwüle Zimmer und die schwere Nachtluft. Sitzt man abends draußen, kann man kaum anders, als dem technischen Spektakel zuzuschauen. Jeden Moment droht der Vogel vom Himmel zu fallen, so behäbig scheint er von unten. Doch der Flieger gewinnt schnell an Höhe und belehrt einen, Abend für Abend, eines Besseren. Ob drinnen oder draußen, die British Airways nimmt einem den Blick auf die Uhr ab, signalisiert, dass es langsam Zeit wird, den Heimweg anzutreten. Mittlerweile stellt sich sogar eine gewisse Unruhe bei mir ein, wenn der Flug nicht pünktlich geht oder sogar ausfällt.

In dieser Hinsicht ist Accra generell faszinierend: ganz egal, wo man sich in der Stadt befindet, den Fluglärm wird man nicht los. Die Planer haben es geschafft, dass die startenden Flieger eine Ehrenrunde über nahezu die ganze Fläche der Hauptstadt drehen. Alles, was sie dabei nicht abdecken, übernehmenden die landenden Flugzeuge. Das ist besonders eindrucksvoll klar geworden, als ich vergangene Woche bei einem Meeting mit einer Stiftung saß, die sich für den freien Zugang zu Informationen in Westafrika einsetzt und ihr Büro direkt in der Einflugschneise hat. Die „Media Foundation for West Africa“ (MFWA) ist einer der drei Partner, mit dem die Deutsche Welle hier in Accra zusammenarbeitet. Zusammen mit diesen Partnerorganisationen betreibt die Deutsche Welle Entwicklungszusammenarbeit im Medienbereich. Der Teil der Deutschen Welle der dafür zuständig ist, heißt Deutsche Welle Akademie (DWA) und arbeitet nicht journalistisch. Sie übernimmt also Koordination und unterstützt Organisation verschiedener Projekte, die in den Bereichen Journalismus, Medienkompetenz und Informationsfreiheit angesiedelt sind. Unsere Partner vor Ort sind: PensPlusBytes, eine ghanaische Nichtregierungsorganisation, die Workshops für junge Leute anbietet und sie etwa darin schult, Falschmeldungen in sozialen Medien zu erkennen und selbst verlässliche Nachrichten zu produzieren, das National Film and Television Institute (NAFTI), das Journalisten, Kameraleute oder Radiomoderatoren aus- und weiterbildet und eben MFWA, die auf Seite der Verwaltung für mehr Transparenz öffentlicher Informationen sorgen will und gleichzeitig Projekte unternehmen, um Bürger zu mehr kritischer Nachfrage anzuregen und auszubilden.
An diese Projekte und die Arbeit sollte ich in den ersten Wochen herangeführt werden und gleichzeitig verstehen, wie die DWA international aufgestellt ist (in Afrika hat sie noch Büros in Namibia und Uganda, weltweit ist die DWA in rund 50 Entwicklungs- und Schwellenländern in Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika, im Nahen Osten und in Zentralasien tätig). Zu der Zeit stand unser Büro noch auf dem einem Gelände der GIZ, die hier mit etlichen Mitarbeitern vor Ort ist. Mittlerweile sind wir in ein neues Büro umgezogen. Gleich am ersten Tag – ich traue mich noch nicht im Trotro zu fahren – nehme ich also an einer Skype-Konferenz mit dem gesamten Afrika-Team teil. Nicht, weil die mich alle unbedingt kennenlernen und sich persönlich bei mir vorstellen wollen, sondern, weil das Afrika-Team neu organisiert werden soll. Ich bekomme also einen Schnelldurchlauf der alten Struktur und bin nach anschließender, dreistündiger Schalte mit Bonn, Kampala, Windhoek und Berlin auch nicht viel schlauer, als vorher. Nur etwas verwirrter. In meinem Team in Accra ist die Sache übersichtlicher: wir sind zu viert. Meine Chefin, Susanne, ehemals selbst Journalistin aber mittlerweile länger in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und für die DWA als letztes in Burkina Faso und Burundi, Sarah, die zweite Praktikantin im Büro, die zwischen Jurastudium und Volontariat steht und Henry, unser ghanaischer Finanzexperte, der uns den Weg durch das bürokratische Dickicht hier zeigt.
Der Großteil des Teams arbeitet jedoch aus Bonn, dem Hauptsitz der DWA. Hier werden die Leitlinien für Projekte festgelegt, Budgets koordiniert (die Arbeit der DWA finanziert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)) und die bürokratischen Entscheidungen getroffen. Mindestens einmal die Woche telefonieren wir trotzdem alle gemeinsam mit dem Ghana-Team, jeden ersten Donnerstag im Monat soll sich auch das Afrika-Team besprechen. Soweit zur Theorie.
Am zweiten Arbeitstag in Accra muss aber erst einer Einladung von höchster Stelle Folge geleistet werden: Die Kulturdezernentin der deutschen Botschaft (man erinnere sich an das „Kultur“ in kulturweit) bittet zum Mittagessen in ihrem Haus. Alle Freiwilligen, die in Ghana eingesetzt sein würden, sind eingeladen. Liebenswerter Weise hat ihr Mann gekocht, es gibt pakistanisch. Gemeinsam mit dem stellvertretenden Botschafter sitzen wir auf der Veranda, essen sanft gekochtes Hühnchen, in Brühe gedünsteten Reis und Gemüse. Es wird selbst gemachte Limonade gereicht. Zu unserer Überraschung geht es danach sogar weiter in die Botschaft. Deutschlands höchster Repräsentant in Ghana nimmt sich eine Stunde Zeit, um zu erklären, warum die Bundesregierung Ghana für einen wichtigen Partner in der Region hält und die Zusammenarbeit weiterhin ausbauen möchte. In Wirtschaft und Werten. Dabei umreißt er die Außenpolitik, betont den Vorbildcharakter, den Ghana in der Region genießt, als gesicherte Demokratie und wirtschaftlich stabiles Land, geht auf gesundheitliche Fragen ein, wie etwa die Gefahr von Malaria und empfiehlt uns gleich den Botschaftsarzt, weist auf Sicherheitspolitik in Ghana hin und warnt vor einer Riese in den Norden, der terroristischen Milizen aus Burkina Faso als Rückzugsgebiet dient, spricht die Herausforderung an, den ghanaischen Staatshaushalt durch geregelte Steuereinnahmen zu stabilisieren und empfiehlt eine Besichtigung der Agbogbloshie Mülldeponie, unweit des Stadtzentrums.
Hier landet ein Großteil des Elektroschrotts aus Europa und anderen Industrienationen. Aus alten Monitoren, Kühlschränken, Akkus und Kabeln versuchen die Menschen Metalle zu entnehmen und zu verkaufen. Dabei verbrennen sie Isoliermaterial über offenem Feuer oder zertrümmern Bildschirme auf dem Boden und atmen hochgiftige Dämpfe ein. Rund 40.000 Menschen leben auf der Deponie, der Fluss der sich durch den Schrotthaufen zieht und der Boden, der ihn umgibt zählen zu den giftigsten Orten der Erde. In Accra kennt man die Deponie unter dem Namen "Sodom".
Nach dem Briefing gibt’s noch ein Gruppenfoto mit Christoph Retzlaff, dem deutschen Botschafter. Gemeinsam mit den anderen Freiwilligen verbringen wir den Rest des Nachmittages in einem Strandcafé, bevor wir abends noch die Republic Bar&Grill besuchen. Von den Angestellten der Botschaft für Atmosphäre, Karaoke und Außenbereich hoch gelobt, liegt die Bar unweit unseres Hauses, in Osu. An dem Abend, der auch den ersten Kontakt mit ghanaischem Nachtleben darstellt, kommen wir auch mit der heimischen Küche in Berührung. Wobei die Republic Bar einen vergleichsweise besonders hohen Anteil an „Obronis“ bewirtet und von Ghanaern kaum als traditionell bezeichnet würde. „Obroni“, das ist der Begriff, der in Twi für alle Weißen oder Menschen aus dem Westen verwendet wird. Er gilt für alle Geschlechter gleich, ist nicht beleidigend gemeint und man hört ihn oft auf der Straße, wenn Kinder ihn aufgeregt plärren.
In der Bar probieren wir ghanaisches Bier und Palmwein, zu essen gibt es gebratenen Reis mit Gemüse, Rinderhackfleisch oder Meeresfrüchten, frittierte Kochbananen und Bohnen. Dazu bekommt man recht scharfe aber wirklich hervorragende, grüne Chillisauce. Die Schärfe des Essens hier war uns zwei Abende zuvor schon aufgefallen, als wir beim Thailänder um die Ecke aßen. Nicht lange nachdem gegrillter Fisch und zwei Currys auf dem Tisch standen lief uns der Schweiß in Strömen durchs Gesicht unter hinter den Ohren in den Nacken. Dabei ruiniert die Schärfe das Essen nicht, sie ist nicht schmerzhaft, brennt nicht, sondern verstärkt den Geschmack der Gerichte, sticht durchs Aroma und ist stets genau abgestimmt. Abendessen wird zur intensiven Erfahrung. Man muss es nur mögen.
Über die nächsten Tage versuche ich die IT und mich selbst im Büro einzurichten, bekomme viel von Sarah erklärt und gezeigt, lauter Dokumente und Links weitergeleitet, ringe aber schon damit, dass es noch nicht wirklich viel zu tun gibt. Langsam beschleicht einen die Angst davor auch in den kommenden Wochen nicht mehr Arbeit zu haben. Sechs Monate Zeit abzusitzen wären der Albtraum. Schon meine Vorgängerin hatte mir gesagt, dass es auch mal Flauten geben würden, was die Auslastung angeht. Das hatte ich jedoch schnell verdrängt…in den nächsten Wochen würde Eigeninitiative gefragt sein, um das ändern.
Während meiner Fahrten zur Arbeit in der ersten Woche fällt mir auf: eine der beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten in Accra ist die noch nicht fertiggestellte Moschee. Sie liegt an einer der Hauptverkehrsadern der Stadt, direkt gegenüber vom muslimischen Viertel: Nima. Die muslimische Gemeinde lebt in, für die Verhältnisse in Accra, überwiegend ärmlicheren Bedingungen. Kleine Häuser mit Wellblechdächern, offene Feuer, Stände an, denen entweder Essen verkauft oder Motorroller repariert werden und ein Wirrwarr an Stromkabeln machen das Viertel aus. Direkt daneben, auf einem kleinen Hügel, erhebt sich die prächtige Accra National Mosque mit mächtiger, gestufter Kuppel in der Mitte und vier schlanken Türmen darum. Die Mauern sind aus hellem Sandstein, die Dächer aus blaugrauen Ziegeln gebaut und erinnern in ihrem Grundriss an die Hagia Sophia in Istanbul. Ein Taxifahrer erzählte mir, die türkische Regierung hätte den Bau geplant, finanziert und durchgeführt. Türkische Arbeiter seien eigens dafür ins Land gebracht worden. Was die Chinesen können, können die Türken schon lange. Keine Überraschung sind die Werbeplakate, die auf den Mauern um das Gotteshaus hängen. Auf sonnenvergilbtem Papier wirbt die Turkish Airlines mit den schönsten Touristenzielen der Türkei ein. Wer sich diese Tickets leisten kann, wohnt wahrscheinlich nicht gegenüber.




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