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Heute ist nicht aller Tage...

  • Writer: leopoldpelizaeus
    leopoldpelizaeus
  • Feb 20, 2020
  • 5 min read

Wüstensand liegt in der Luft. Im Januar kam der Harmattan aus der Sahara und trocknete für zwei Wochen das Land aus. So plötzlich, wie er damals verschwand ist er nun wieder aufgetaucht und hat innerhalb eines Tages einen undurchsichtigen Staubschleier über Accra gelegt. Der Wüstenwind kühlt die Nächte ab und hinterlässt einen rauen Nachgeschmack im Mund. Er vernebelt die Sicht auf den Himmel und Flugzeuge machen sich nur noch akustisch bemerkbar. Die Sonne wirft milchiges Licht durch den Dunst und nachts erkennt man durch trübe Autofenster nur noch entgegenkommende Scheinwerfer. Alles andere verschwimmt zu Umrissen, verläuft im Sand.




Wenigstens die Abkühlung ist zum Ende meiner Zeit in Ghana noch einmal willkommen. Nach sechs Monaten schwüler Hitze freue ich mich doch auf die Erfrischung in Deutschland. Sobald man während des Harmattans mit heruntergekurbeltem Fenster im Stau neben einem vierzig Jahren alten Tanklaster steht, weiß man sogar die Luft im Stuttgarter Kessel zu schätzen. Außer einer Lungenkur gibt es andere Dinge, auf die ich mich freue. Und Dinge die ich vermissen werde. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit allen, die mir wichtig sind. Ich freue mich auf zu Hause und ein paar ruhige Tage. Aber auch auf das Gefühl, sich auszukennen, vertraut mit seiner Umgebung und seiner Umwelt zu sein. Darauf, besser einordnen zu können, was um mich herum geschieht und wie die Menschen sich verhalten und reagieren. Nach sechs Monaten habe ich mich sicher gut eingelebt, aber dennoch scheint Ghana manchmal fremd. Oft bin ich auch jetzt noch stutzig, wenn der Verkehr sich an der Kreuzung verknotet, ich unvermittelt auf der Straße angesprochen werde, man im Restaurant bestellt und die Bedienung die Bestellung eifrig aufnimmt, nur um später geknickt zu verkünden, dass das Bestellte ausverkauft sei. Solche Szenen nimmt man mit Humor hin aber sie bleiben im Gedächtnis. Denn es gibt ulkige Begegnungen und unangenehme.

Begegnungen, die einem schlagartig die eigene Herkunft klarmachen. Das Gefühl, sich integrieren zu müssen, sich anzupassen und einzuordnen, selbst zu reflektieren und neu auszurichten war mir so in Deutschland praktisch fremd. Zu Hause vergleicht man sicherlich das eigene Verhalten mit dem seiner Mitmenschen aber doch kaum in so grundsätzlichen Fragen wie: Kann ich den Menschen hier ihr Weltbild genauso vorhalten, wie ich es zu Hause für richtig hielte? Unweigerlich müssen sich Deutsche, Europäer, Westler entscheiden, wie sie den Spagat meistern, in den die koloniale Vergangenheit sie gedrückt hat. Legen sie die Oberlehrermentalität ab, um den Imperialismus entgegenzutreten und lassen einem anderen Land andere Sitten? Oder tragen sie die Werte, die sie zu Hause in Gefahr sehen und verteidigt wissen möchten auch in die Welt hinaus und stehen für Gleichberechtigung der Geschlechter, freie Meinung und gegen Diskriminierung ein? Müssen wir uns überhaupt entscheiden zwischen dem Moralapostel und dem Erzieher? Und können wir denn jetzt Gleichberechtigung von jenen einfordern, die wir nie gleich behandelt haben? Scheinbar täglich werden Toleranz und kosmopolitische Finesse auf die Probe gestellt und wahrscheinlich schweigt man, ob aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit, doch zu häufig.

Denn gleichzeitig ist das etwas, was ich an Ghana sehr vermissen werde: das Zelebrieren des Andersseins, der Unterschiede. Selten habe ich so viel gelebte Toleranz erlebt. Innerhalb der Religionen, der einzelnen Gruppen, die Ghana bevölkern und den Sprachen, die sie sprechen. Das gilt oft auch für die Menschen aus Nachbarländern und dem ganzen afrikanischen Kontinent. Die eigene Herkunft und deren Traditionen in Sprache, Politik oder Kultur werden stetig weitergegen und gefeiert. Scheinbar jede Gelegenheit nutzen die Ghanaerinnen und Ghanaer, auch die Traditionen ihrer Mitmenschen kennenzulernen und weben daraus ein Nationalgefühl, das dem deutschen, faschistisch geprägtem Verständnis nicht ferner sein könnte. Es war beeindruckend zu sehen, wie selbstverständlich über Unterschiede hinweggesehen wird.




Und außerdem ist Ghana ein wunderschönes Land. Voller Leben und Geschichten und packender Eindrücke. Im Kakum National Park war ich das erste Mal im Regenwald. Nach einer Woche Accra ging es raus aus der Stadt: wir würden tief in das Herz Afrikas vordringen auf ockerfarbenen Schlammpisten fahren, weitab der Stadt und der Natur ausgeliefert, würden uns durch unberührten Urwald kämpfen und den wildesten Tieren ins Auge schauen. Soweit zur Theorie. Soviel zu den Bildern von „Afrika“.

Westlich von Accra, wo die Sträucher dichter zusammenrücken, und die Bäume sich weiter in gleißend blauen Himmel recken, führt eine vielbefahrene Landstraße in Richtung Dschungel. Keine Feldwege, keine wilden Tiere, nur eine Busfahrt mit nigerianischer Filmauswahl und Pendlern. Doch zwischen Cape Coast, der letzten größeren Stadt und dem Nationalpark wird der Asphalt doch noch brüchig und die Bebauung dünn. Dann geht der Teer aus und es bleibt eine knallorange Piste aus lehmdurchsetztem Schlamm mit löchriger Oberfläche und abschüssigem Rand. Die Schlaglöcher gefüllt mit Regenwasser. Am Straßenrand ragt die Natur schon in die Fahrbahn. Das saftige Grün wird hier immer dichter, die Vegetation engt ein. Zwischen diesen so gesunden Pflanzen wird schnell klar, wer hier draußen das Sagen hat. Blitzschnell drohen sie alles zu überwachsen, was der Mensch hinterlässt. Im Nationalpark wandern wir durch den Wald und schwanken auf Hängebrücken zwischen den Wipfeln. Von den Plattformen an den 50 Meter hohen Bäumen den Boden nicht zu sehen und auf dem Boden den Himmel zu suchen war atemberaubend.



Noch weiter westlich liegen die Strände von Busua und Cape Three Points (An letzterem stand auch das deutsche Fort zum transatlantischen Sklavenhandel). Hinter Kautschukplantagen wehen die Äste der mächtigen Urwaldbäume über glasklarem Meerwasser und weißem Sand. Fernab vom Trubel der Hauptstadt stellt sich hier Erholung und Ruhe ein. In dem Dorf Busua verbrachten wir zwei Nächte auf der Durchreise. Gefrühstückt wird bei „Dan the Pancake Man“, und Getränke gibt es bei „Frank the Fruit juice Man“. Beiden erklärt man, wonach einem gerade ist und sie machen sich auf den Weg die Zutaten für die Bestellung auf dem nächsten Markt zu kaufen. Und so sitzt man dann entweder am Frühstückstisch oder am Strand und wartet, bis Pfannkuchen oder Mangosaft kredenzt werden. Das kann schon einmal anderthalb Stündchen dauern. Dafür aber handgemacht, mit Zutaten aus der Region!



Das halbe Jahr in Ghana hat mich zweifelsohne geprägt und wieviel ich gelernt habe, wird sich bestimmt erst zeigen, wenn ich zurück in Deutschland bin. Darüber, in einem fremden Land Anschluss und Orientierung zu finden, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die aus einem anderen Kulturkreis kommen und ihre Arbeit grundverschieden verstehen. Kennenzulernen, wie Politik und Medien hier funktionieren und was die Menschen davon halten. Wenn ich mich in Deutschland wieder eingewöhnt habe, werden mir Dinge auffallen, die ich früher vielleicht für normal gehalten oder gar nicht erst bemerkt habe. Genauso, wie mir anfangs die skurrilen Unterschiede hier bemerkt habe.

Die Zeit in Ghana und die Eindrücke, die ich bekommen habe, werden mir in guter Erinnerung bleiben. Lehrreiche Ausflüge und abenteuerliche Fahrten, wie die nach Kumasi, Hauptstadt des Königreichs der Ashanti und Ghanas zweitgrößter Stadt. Die schaurigen Führungen durch niederländische, britische, portugiesische, deutsche, dänische oder schwedische Sklavenfestungen, von denen aus Millionen Menschen aus Westafrika nach Amerika verschleppt wurden. Der Trip nach Lomé, die wie Accra eine pulsierende Hauptstadt an der Küste ist aber unterschiedlicher kaum sein könnte. Unsere Tour Richtung Nordosten in die Voltaregion, auf der der Bus unterwegs liegen blieb und in der Dämmerung repariert werden musste. Oder einfach die Tagesauflüge zum Surfen an den nächsten Strand außerhalb Accras und und und…aber an einem Freitagabend draußen sitzen zu können wird immer unschlagbar bleiben!

Bis bald, yebehyia!




 
 
 

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About Me

Ich bin Leopold, 23 Jahre alt und das zweite mal in Afrika. Dieses Mal mit Blog. Hier berichte ich über meinen Aufenthalt in Ghana. 

Lest gerne mit, was ich so erlebe. 

 

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