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Trotro, Jollof, Twi und Mummy

  • Writer: leopoldpelizaeus
    leopoldpelizaeus
  • Oct 14, 2019
  • 5 min read

Updated: Nov 8, 2019

Schnitt. Wir landen in Ghana. Es hat gerade geregnet, auf dem Rollfeld stehen türkische Militärmaschinen in großen Pfützen. Schwere, graue Wolken bedecken den Himmel über Accra, die Luft ist feucht und warm. Zum Glück geht ein kühler Wind. Ich fliege mit Helena von Brüssel nach Accra, die ich schon vom Vorbereitungsseminar kenne, die mit mir im selben Haus wohnen wird und die hier an einer deutsch-schweizerischen Schule arbeiten wird. Am Flughafen stehen wir noch nervös für die Visumskontrolle an. Wir bilden das Ende in einer Schlange von Europäern und Amerikanern. 260€ hat das Visum gekostet, einen ganzen Tag habe ich damit verbracht, die Unterlagen vorschriftsgemäß bei der Botschaft in Berlin einzureichen. Unfreiwillig muss ich an die Einlasskontrolle am Flughafen von Harare denken, an dem ich rund viereinhalb vorher stand. Damals gab es das Visum direkt am Schalter und der Preis schien von der Laune des Zollbeamten abzuhängen. Der Freund, der mit mir nach Zimbabwe gereist war, musste deutlich draufzahlen – ohne erkennbaren Grund. Ob es in Ghana wohl auch so laufen würde? Weit gefehlt, das Visum wird digital geprüft und für gut befunden. Auf geht’s nach Accra!


Erster Eindruck vom Flughafen Accra

Wir werden von einer Lehrerin der deutschen Schule, einem Fahrer und meiner Kollegin bei der Deutschen Welle abgeholt. Auf dem Weg von Flughafen in unsere Unterkunft prasseln die ersten Eindrücke wie tropischer Regen durch die offenen Fenster des Kleinbusses, in dem wir Sitzen. Anschnallgurte gibt es nicht. Was in Deutschland zu mittelschwerer Panik geführt hätte, nimmt man plötzlich einfach hin. In Taxi- und Uberfahrten werde ich mich noch öfter dabei ertappen, wie ich einfach ohne Anschnallgurt im Auto sitze. Dass das problematisch werden könnte, zeigt schnell die Rückfahrt vom Flughafen: Accra quillt über mit Autos, Kleinbussen, Transporten, Motorrädern und Fußgängern, die durch die Autoschlangen hindurchwuseln. Die Kreuzungen sind verstopft, es wird da gefahren, wo Platz ist. Wenn der Platz nicht ausreicht, wird sich – meist wild hupend – welcher verschafft. Generell zählt die Hupe in Accra genauso als automobiles Kommunikationsmittel wie Blinker, Bremslicht oder Handzeichen. Taxis hupen, wenn sie frei sind. Alle anderen hupen, um auf sich aufmerksam zu machen, bevor sie auf eine Kreuzung fahren, wenn sie abbiegen oder zum Überholen. Oder einfach so, weil es so nett klingt. Wenn im Auto sonst nichts mehr funktioniert, die Tachos eingefroren sind, die Motorkontrollleuchte blinkt, der Auspuff röhrt und das Getriebe schleift, dann funktioniert doch immer noch die Hupe!

Erst in Accra fiel mir auf, wie leise Deutschland ist: dort ist morgens in der Straßenbahn auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit jeder für sich, kaum jemand unterhält sich. Aspahlt und Autoreifen sind auf die geringstmögliche Geräuschproduktion ausgelegt, am besten fährt man elektrisch. Straßenverkehr ist Lärmbelästigung. Flugzeuge sowieso. Komplette Stille scheint als Ideal mittlerweile auch in die deutschen Städte einzuziehen. Wehe, jemand hupt einmal im verkehrsberuhigten Bereich! Das wird beim nächsten Nachbarschaftstreffen zur Sprache kommen! Still ist es in Accra nie.

Mit wildem Gehupe und üblichem Großstadtlärm mischen sich die Rufe der Mates: meist junge Männer, die aus Kleinbussen heraus die Fahrtrichtung ihrer Fahrzeuge verkünden. Diese Kleinbusse heißen Trotros und ersetzen den organisierten öffentlichen Nahverkehr. Sie fahren an Bushaltestellen ab oder anderen festen Orten in der ganzen Stadt. Ruft einem der Mate die richtige Fahrtrichtung zu, winkt man unaufgeregt, steigt ein und quetscht sich dazu. Plötzlich sammelt der Mate das Geld ein und man signalisiert ihm, wann man wieder aussteigen möchte. Vorteil: die Trotros kommen ständig und sind günstig. Nachteil: man sitzt mit 15 anderen Leuten in einem 25 Jahre alten Van, ohne Klimaanlage, der eigentlich drei Leute und Werkzeug transportieren sollte.

Wir bahnen uns einen Weg durch das automobile Gedränge und am Samstagabend ist die Stadt noch hellwach. Auf der Oxford Street, die sich einmal quer durch unser Viertel, Osu, zieht herrscht noch reges Treiben. Am Straßenrand sind Stände dich aneinander aufgereiht, es wird Essen verkauft, Talapia, Joloff, Fufu, Banku und Plantains. Neben Obst bekommt man Schuhe, kann Geld wechseln oder Schmuck kaufen, Prepaid-Guthaben wird mit Sonnenbrillen angeboten. Als wir nach rund einer halben Stunde Fahrt in meiner Unterkunft ankommen – Helena wird die ersten Nächte im Hause einer Lehrerin an ihrer Schule verbringen – stellt sich zum ersten Mal etwas Ruhe ein. Mein Mitbewohner sitzt zufällig gerade draußen, die Schlüssel sind schnell organisiert. Die Eigentümerin, Mummy, von der ich schon viel gehört habe, lerne ich am diesem Abend nicht mehr kennen. Sie wird später einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dafür schließt mir die Hausverwalterin Akus auf. Unsere Wohnung hat zwei gegenüberliegende Schlafzimmer, zwei Bäder, eine einfache Küche und einen Wohnbereich mit Sitzgruppe und Couchtisch. Ich bekomme das kleinere der beiden Zimmer, wie auch alle meiner Vorgängerinnen der Deutschen Welle hier. Es fehlt ein Fenster nach draußen, ansonsten habe ich alles hier oder mitgebracht. Die Klimaanlage kühlt fleißig mein Zimmer, im Wohnbereich hängt ein älterer Ventilator, der emsig knarzend in der Luft herumrührt. In der Küche haben wir einen Kühlschrank, ein zweiter steht in meinem Zimmer. Herd und Spüle stehen auch bereit, dass ein Ofen fehlt macht mir nichts aus. Und weil das mobile Internet hier so günstig ist – 1,5 Gigabyte aufzuladen kostet rund 1,70€ - ist es auch nicht tragisch, dass es kein WLAN im Haus gibt.



Generell ist das Internet hier schon fest verankert. Nicht nur günstig sondern auch bestens empfangbar. Neben Vodafone bietet auch der südafrikanische Provider MTN Prepaidverträge an. Auf der Straße werden überall SIM-Karten verkauft, die man gleich am Stand entsperren lassen kann. Anschließend kauft besorgt man sich das Guthaben dazu in Form eines Rubbelloses, dem man einen Aufladecode entnehmen kann. Die meisten Ghanaer, die ein Handy besitzen, haben ein Smartphone. Darauf nutzen sie dieselben Apps, die man aus Deutschland kennt; WhatsApp ist Nachrichtendienst Nummer eins, Facebook und Twitter sind weit verbreitet und beliebt. Uber dient all denjenigen als Transportdienst, die sich nicht ins Trotro zwängen wollen und bereit sind draufzuzahlen.

Später am Abend kommt auch Berit noch an, die vierte Freiwillige von kulturweit. Wir starten mit versammelter Mannschaft ins Wochenende und nutzen den Sonntag für eine Tour in Richtung Innenstadt. Glänzend eingecremt recken wir unsere Gesichter Richtung Sonne und treten den ersten Fußweg durchs Viertel an. Auf dem Weg zum Black Star Square, Ghana´s Unabhängigkeitsdenkmal, können wir die ersten Eindrücke im Tageslicht aufnehmen. Nicht, dass wir uns von dem schieren Schwall des letztens Abends erholt hätten. Alle Sinne sind voll ausgelastet: es riecht nach verbranntem Holz (die vielen Essenstände am Straßenrand), an Stelle von sonntäglicher Ruhe treten Musik, die auf offener Straße gespielt wird, Hupen und die erstaunten Rufe der Ghanaer, die mal wieder einen "Obroni" (Twi für Weißer) vor der Tür haben. Während die Sonne auf die Haut brutzelt bahnen wir uns den Weg durch die Gassen von Osu Eng gedrängt stehen allerlei Stände aneinander. Heute sind sie leer, denn Sonntags sind die allermeisten Ghanaer in der Kirche. An anderen Tagen quillt der Osu Night Market jedoch über vor Leben und Angeboten. Neben dem Black Star Square steht das Black Star Gate. Während wir uns touristisch austoben, Fotos machen und darüber staunen, wie befahren die Straße um das Tor herum und wie leer der Platz daneben ist, haben wir längst die Aufmerksamkeit einer Gruppe junger Leute auf uns gezogen. Sie drehen das Musikvideo einer Rapperin, Songtitel: Peace for Africa. Bevor wir reagieren können hat jeder von uns die Fahne eines afrikanischen Landes in der Hand. Plötzlich stehen wir hinter der Musikerin, sie rappt, wir wedeln, dümmlich lächelnd, mit den Fähnchen herum. Trotzdem scheint die Gruppe begeistert. Der erste internationale Austausch ist geglückt! Und dann noch mit dem Motto!




 
 
 

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About Me

Ich bin Leopold, 23 Jahre alt und das zweite mal in Afrika. Dieses Mal mit Blog. Hier berichte ich über meinen Aufenthalt in Ghana. 

Lest gerne mit, was ich so erlebe. 

 

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