Von der Schorfheide in den Regenwald
- leopoldpelizaeus

- Oct 14, 2019
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Updated: Oct 22, 2019
Jetzt also Ghana. Wieder Afrika, dieses Mal die Tropen. Fast am Äquator, dafür aber am Meer und in der Hauptstadt. Accra (gesprochen: Ackraaa) hat rund 2,4 Millionen Einwohner und wird viel für ihre Vorbildfunktion gelobt. Wie das Land, deren größte Stadt sie ist, steht Accra für die Freiheit der Presse, der Religionen und Wahlen, mit Strahlkraft für ganz Westafrika. Aber der Reihe nach.
Ich bin hier, weil ich im Rahmen des Freiwilligenprogrammes „kulturweit“ einen sechsmonatigen Dienst, ähnlich dem Freiwilligen Sozialen Jahr in Deutschland, absolviere. Nur eben in Ghana. Träger ist die Deutsche UNESCO-Kommission, finanziert werden die Einsätze vom Auswärtigen Amt. Zusammen mit mir sind in diesem September 270 weitere Freiwillige ausgereist, entweder für sechs oder zwölf Monate, um sich vor Ort bei den Partnerorganisationen von „kulturweit“ zu engagieren und allerhand Neues zu lernen. Dazu zählen die Deutsche Welle, für die auch ich arbeiten werde, der Deutsche akademische Austauschdienst, die Goethe-Institute, die schulischen Auslandsdienste PAD und PASCH sowie die UNESCO-Nationalkommissionen verschiedener Einsatzländer. In Ghana sind neun Freiwillige eingesetzt, vier davon in Accra. Wir alle wohnen gemeinsam in einem Haus, zusammen mit Leuten aus aller Welt.
Noch vor der Ausreise ins Einsatzland haben alle 270 Freiwilligen an einem zehntätigen Vorbereitungsseminar am Wehrbellinsee, bei Berlin teilgenommen. Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass im Rahmen eines staatlichen Freiwilligendienstes 25 Tage zu Schulungszwecken verwandt werden. Davon entfallen zehn auf das Vorbereitungsseminar, jeweils fünf auf ein Zwischen- und ein Nachbereitungsseminar und noch einmal fünf auf einen Sprachkurs in einer Sprache des Gastlandes. Während der zehn Tage in Brandenburg, die wir in einer ehemaligen Fortbildungsstätte für DDR-Offiziere verbrachten, hatten wir nicht nur die Möglichkeit die anderen Freiwilligen kennenzulernen, sondern auch die Herausforderungen eines mehrmonatigen Auslandsaufenthalts. Ein Großteil der Freiwilligen hatte gerade das Abitur im Sommer gemacht und noch nie für längere Zeit im Ausland gelebt. Studenten, wie ich, die schon längere Reisen oder Auslandssemester hinter sich hatten, bildeten die Ausnahme. Ziel des Seminars, so die Leiterin von „kulturweit“, Anna Veigel war es, die Sonne aus unserem Herzen herauszulassen. Gemeint war, mit dieser zugegebenermaßen etwas oft bemühten Metapher, dass wir uns einlassen sollten auf die neuen Dinge die wir Freiwillige lernen würden, während des Seminars und während der Zeit im Ausland und auf die Menschen, die wir treffen würden. An eben diesen Orten.

Für die Zeit am Wehrbellinsee waren wir in Gruppen aufgeteilt, je nachdem in welche Region wir reisen würden. Unsere Gruppe, oder "Homezone", hatte zwölf Mitglieder, die nach Ghana oder Ruanda reisen würden und einen Teamer: Mika. Seine Aufgabe war es, uns möglichst erbaulichen Antworten auf unsere nervösen Fragen zu geben und uns zu erzählen wie der im Einsatzland heimische Hase laufen würde. So jedenfalls die Vorstellung von uns Freiwilligen. Was Mika, diplomierter Kulturwissenschaftler, vielgereister Fotograf und freiberuflicher Pädagoge, uns tatsächlich beigebracht hat, wich etwas davon ab. Zunächst mal gab es Kennenlernspiele und Vorstellungsrunden. Dann diskutierten wir über Kulturbegriffe, Verständigung und Rollenverständnisse von Freiwilligen in einem Land des globalen Südens, in dem wir als Weiße vielleicht eine kleine Attraktion sein würden. Darüber, ob wir würden helfen können oder ob wir doch mehr mitnehmen als geben würden. Es ging um Machtgefälle zwischen Europa und Afrika, Kolonialgeschichte und weiterhin bestehende Abhängigkeiten. Auch tagesaktuelle Politik wurde besprochen, schließlich hatten gerade die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg wenig überraschende, wenn auch immerhin erleichternde Ergebnisse für die AfD geliefert. Natürlich kam auch die länderspezifische Vorbereitung dran, meist in Form von Filmausschnitten zu Ghana und Ruanda. Was die Überlebenstips anging, beschränkte sich Mika auf eine Packliste, mit dem Hinweis: in Fettnäpfchen tritt man am besten erst einmal selbst. Es drängt sich das Beispiel mit dem Kleinkind und der heißen Herdplatte auf…nicht ganz zu Unrecht. Über diese Runden hinaus, haben wir thematische Workshops besucht.
Am dritten Tag ging es allerdings erst einmal nach Berlin, zum Sitz der Deutschen Welle. Gemeinsam mit den fünf anderen Freiwilligen, die die Deutsche Welle diesen September nach Namibia, Myanmar, Bolivien und Ghana geschickt hat, haben wir eine ausführliche Führung bekommen. Zu sehen gab es ein Fernsehstudio, Redaktionsräume, Regie und den Ausblick auf Berlin vom Dach des Sendehauses. Nach anschließendem Sicherheitsbriefing und Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen der Länder-Abteilungen stand fest: die Deutsche Welle schaut nach den Leuten, die in die Welt schickt!
Darauf folgte prompt der nächste Trip nach Berlin; diesmal mit Empfang im Auswärtigen Amt und Reden der Kulturdezernentin für auswärtige Kulturpolitik sowie der Leiterin von „kulturweit“. Im Weltsaal des Ministeriums saßen alle Freiwilligen beisammen und lauschten. Weil nach Reden noch ein Spiel zu den Einsatzorten und eine Vorstellungsrunde des „kulturweit“-Teams auf dem Plan standen, fielen die Reaktionen gemischt aus. Auch ich hätte mir gewünscht, Ort und Anlass gebührend zu nutzen. Für eine Vorstellungsrunde muss man schließlich kaum ins Außenministerium fahren.
Zurück in der Schorfheide gings mit den themenorientierten Workshops los, die organisations- und länderübergreifend stattfanden. Auf Gutdeutsch: man konnte sich viermal für drei Workshops der eigenen Wahl eintragen und wurde, je nach Nachfrage, eingeteilt. Es ging um verschiedene Diskriminierungsformen, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus, Kolonialismus, die eigene Rolle im Ausland, Berichterstattung mit Fotos und Texten, Fernbeziehungen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit, Hilfe zur Selbsthilfe in unbekannten Situationen, kulturelle sowie politische Themen. Zu diesen und ähnlichen Themen hatten wir in der Schule oder auch in der Uni vorher selten diskutiert. Jedenfalls nicht über persönlichen Bezug dazu oder eigene Betroffenheit davon. Es war angenehm und herausfordernd zugleich. Nicht nur, weil nahezu alle Teilnehmer sich wirklich auf Thema und Methoden der Workshops einließen, sondern auch weil man nicht gezwungen, doch aber angeregt wurde, kritisch über das eigene Verhalten und Anforderungen an die persönliche Rolle nachzudenken. Geschlechterverständnis und -erwartungen wurden diskutiert, Reaktionen auf Konfliktsituationen oder was es heißt, in Deutschland zu leben. Achja: und Capoeira gab es auch!
Schön und schade zugleich war, dass die Qualität der Workshops oft sehr mit Persönlichkeit und Herangehensweise der Trainer zusammenhing. Schön war es deshalb, weil ich vier sehr bereichernde Workshops mitmachen durfte und auch viel Lob über andere Trainer und Trainerinnen gehört habe. Schade war es deshalb, weil andere Freiwillige berichteten, dass sich Inhalt und Methode oft innerhalb zweier Workshops zum selben Thema stark unterschied. Das stellte nicht immer alle zufrieden.
Insgesamt sind mir die zehn Tage im Brandenburger Wald in bester Erinnerung geblieben. Das lag daran, dass wir nach den vielen gemeinsamen Diskussionen die Zeit nutzen, um im See zu baden – tagsüber und nachts – abends lange zusammenzusitzen, Trinkspiele oder Impro-Theater zu spielen, Karaoke zu singen und Filme zu schauen. Es lag aber auch daran, dass zwischen den 270 Freiwilligen tatsächlich ein Gemeinschaftsgefühl entstanden ist, so kam es mir zumindest vor. Obwohl oder gerade weil, wir für zehn Tage gemeinsam gegessen, in Mehrbettzimmern geschlafen und gestritten haben. Aber auch die Erfahrungen in den Workshops waren für viele – mich eingeschlossen – bewegend und prägend. Das lag besonders am leidenschaftlichen Einsatz der Trainer und Trainerinnen. Zuletzt hat sicher auch die Abschlussparty ihren Teil beigetragen. Aus meiner neutralen Rolle als Mitorganisator kann ich konstatieren: die Nacht war ein voller Erfolg! Den mir dafür gebührenden Dank habe ich – nach drei Stunden Schlaf in jener Nacht – in Form einer handfesten Erkältung erhalten.




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